Botschafter, Baseball, Burgerkrieg, Barbecue

Vom 27. Juni bis 1. Juli 2005 fand in Washington, D. C., ein Seminar zur Kultur und Sprache der USA statt, ausgerichtet von der aiic-Region USA. Aus der Perspektive eines begeisterten Teilnehmers darf ich einige Impressionen schildern.

Das Seminar war mit 19 Teilnehmern aus 7 Ländern gut besucht, wobei die Region Deutschland mit 7 Teilnehmern insgesamt sehr stark vertreten war. Ein Punkt, der für solche Fortbildungsangebote der aiic spricht und sicherlich auch gerade für junge Menschen einen zusätzlichen Anreiz darstellen kann, der aiic beizutreten! Außer aus Deutschland kamen die Teilnehmer überwiegend aus europäischen Regionen; Übersee war mit 2 brasilianischen Teilnehmerinnen repräsentiert. Dass das Deutsche sich – neben dem Französischen – am Rande des Seminars zu einer Art zweiten lingua franca herauskristallisierte, mag vielleicht nicht im Sinne der umfassenden Englischsprachigkeit sein, half aber doch in manchen Situationen, sich über neue Eindrücke noch unmittelbarer auszutauschen. Und derer gab es einige, insbesondere natürlich für diejenigen, die das erste Mal in dieses große Land reisten: Angefangen von der Tatsache, dass man ja eher selten wegen des guten Essens in die USA reist, über die Hitze im extrem schwül-sommerlichen Washington (die man im Fernsehen nicht sieht und im Radio nicht hört), die in krassem Gegensatz zu den überklimatisierten Innenräumen stand.

Einen bleibenden Eindruck hinterließ auch der Besuch einer Militärzeremonie für die gefallenen US-Soldaten des zweiten Weltkriegs, wobei die Teilnahme an dieser abendlichen Veranstaltung mitsamt Nationalhymne und einer ordentlichen Prise Pathos selbstverständlich jedem freigestellt war. Der Patriotismus hielt sich ansonsten in eng gesteckten Grenzen, sicher auch schon deshalb, weil zum einen die Kolleginnen und Kollegen aus den USA, die sich hinter und vor den Kulissen für uns „abgerackert“ haben, eben Konferenzdolmetscher sind und somit ja per definitionem nicht zu übertriebenen nationalistischen Gefühlen neigen, zum anderen aufgrund der herausragenden Qualität der Redner, die nicht selten einen inter­nationalen Hintergrund vorzuweisen hatten und Land und Leute erfrischend unbefangen und selbstironisch präsentierten und kommentierten.

Als Veranstaltungsort war das Tagungs- und Verwaltungsgebäude der Organisation of American States ausgewählt worden, das in unmittelbarer Nachbarschaft der Weltbank und des Weißen Hauses und somit sehr zentral gelegen ist. Da sich die „organisierenden Kollegen“ aus den USA im Vorfeld selbst um die Beschaffung von U-Bahn-Ausweisen und Hotelkontingente gekümmert hatten, stand der Erreichbarkeit nichts im Wege.

Einen Seminarschwerpunkt bildete die Beschäftigung mit der amerikanischen Mentalität und Geschichte, wobei so unterschiedliche Themen wie die amerikanische Identität, die Bezie­hungen zwischen Schwarz und Weiß oder das Bildungs- und Rechtswesen berührt wurden. Ganztätig fanden Vorlesungen statt, teilweise gewürzt mit sehr praxisnahen Anteilen; so wurde der Block „Sportterminologie“ mit Schwerpunkt Baseball um einen Besuch eines Baseballspiels ergänzt (raten Sie mal, wer die Tickets organisiert hat… natürlich wiederum die Kolleginnen aus den USA. Es wäre schön, wenn alle Konferenzveranstalter ein solches Organisationstalent an den Tag legen würden!). Insofern hatte man hier auch didaktisch gute Vorarbeit geleistet. Ähnliches gilt für das Thema Rechtswesen, wenn auch hier der Praxisteil überwog: Richterin Joan Zeldon empfing unsere Gruppe im District Court, berichtete von ihrer täglichen Arbeit und stellte sich unseren Fragen, wobei auch noch Platz für ein Gespräch (eine Einlassung?) mit zwei Gerichtsdolmetschern aus Washington blieb. Dank dieser nicht allzu langen Einführung bot sich noch die Gelegenheit, verschiedenen öffentlichen Verfahren zumindest ausschnittsweise beizuwohnen und ein wenig auf den Spuren von John Grisham zu wandeln.

Den Praxisbezug zu dem überaus grandiosen Vortrag von Saul Lilienstein zur Geschichte des Jazz stellte ein Jazzkonzert in der traditionsreichen Blues Alley her; und der Aufbau des Staats­wesens – hierzu gab es einen brillanten Vortrag über die eigentlich zähe Materie „Inter-Agency Policy Making“ von Botschafter a. D. George Moose – spielte immer wieder, so auch bei der Stadtrundfahrt, eine Rolle.

Eine (Arbeits-)Woche ist naturgemäß recht kurz, wenn man ein so weites Feld wie die Sprache und Kultur eines Landes erkunden möchte. Und doch schaffte man es, noch weitere kulturrelevante Punkte in das – zugegebenermaßen dichte – Programm einzuflechten. Von Professor Weavers Vortrag zur amerikanischen Identität war ja bereits die Rede; interessant hier sowohl die anschaulichen praktischen wie auch die soziologisch-wissenschaftlich orientierten Aspekte. So beschrieb Weaver die amerikanische Mentalität als durch und durch vorwärts gerichtet; eine gute Quintessenz! Den Eindruck, man sei in den USA von Europa und dem dortigen (also hiesigen) politischen Geschehen isoliert, kann man sicher auch leichter überwinden (oder ertragen?), wenn man genauer in die komplexen Zusammenhänge des US-amerikanischen Föderalismus einsteigt; so geschehen im Rahmen eines dreistündigen Vortrags von David Munger zum Thema „State versus Federal Government“. Bezüge ergaben sich auch bei dem Vortrag zum Bürgerkrieg, den Rufus Philips (aus Georgia!) hielt.

Abgerundet wurde die Vortragsreihe durch einen anspruchsvollen und genialen Vortrag von Professor Ribuffo – „Religion und Politik“ (vom Blatt abgelesene intelligente religions­wissen­schaftliche Anspielungen im amerikanischen Kontext - ein Alptraum für jeden Dolmetscher!) und einen sehr anschaulichen, praxisnahen Einblick ins US-Gesundheitswesen („Als ich neulich zu meinem Internisten ging…“), zwei Stippvisiten in der Abteilung frühe US-Künstler der National Gallery sowie in der Library of Congress und schließlich ein Open-Air-Country-Konzert mit Musikern aus Tennessee in der berühmten Wolf Trap.

Als besonderen Höhepunkt empfanden jedoch die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer sicher auch den Barbecue-Abend im wunderschönen Zuhause einer ortsansässigen Kollegin: Spare Ribs mit Blick auf sämtliche Monuments und Memorials der Hauptstadt – amerika­nische Gastlichkeit pur!

Zu guter Letzt sei hervorgehoben, dass die Kolleginnen und Kollegen in puncto Organisation und Gastfreundschaft wirklich Herausragendes auf die Beine gestellt haben und man sich in der angenehmen Atmosphäre, auch durch die gute Gruppenzusammensetzung bedingt, sehr wohl fühlte. Herzlichen Dank nochmals an alle, die hinter und vor den Kulissen aktiv waren, darunter Marilda Averbug, Peter Motton, Karin Ruckhaus, Idette Swetye, Estela Zaffaroni, Stephanie van Reigersberg und einige andere mehr!

FAZIT: Ein äußerst gelungenes, sehr intensives Seminar zu einem durchaus günstigen Preis (620 $, also unter 500 €). Selbst wenn man die hohen Übernachtungskosten in Washington mitrechnet, ergibt sich ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis mit unzähligen lehrreichen und amüsanten Informationen und Einsichten in konstruktiver Atmosphäre. Nachahmenswert!?

Als großes Plus empfand ich – als eher jüngerer Kollege und Vorkandidat, der ja eine Art Beobachterstatus innehat – die Tatsache, dass sich hier wirklich die Internationalität unseres Verbands äußerst positiv niederschlägt. Welcher andere Berufsverband kann schließlich von sich behaupten, seine US-amerikanische Sektion organisiere Fortbildungen dieser Art und dieses Kalibers?



Recommended citation format:
Markus KOWSKY. "Botschafter, Baseball, Burgerkrieg, Barbecue". aiic.co.uk August 24, 2005. Accessed October 15, 2019. <http://aiic.co.uk/p/1919>.